Griechenland´s Gesundheitskrise

Bereits im April 2013 hat die medizinische Fachzeitschrift The Lancet eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen von Krise und Krisenpolitik veröffentlicht. Darin wurden die Auswirkungen der Austeritätspolitik auf die Volksgesundheit in Portugal, Spanien, Irland und Griechenland beschrieben. Das Fazit war eine vernichtende Kritik an der EU-Krisenpolitik.

Im Februar 2014 legte The Lancet eine weitere Studie vor. Diesmal befassen sich die britischen Wissenschaftler ausschließlich mit der gesundheitlichen Lage in Griechenland, bieten eine tiefere Analyse der Situation an und beziehen mehr aktuelle Daten ein. Sie zeichnen ein schreckliches Bild und veranschaulichen die dramatischen, humanitären Folgen der EU-Krisenpolitik deutlich. In der vorliegenden Auswertung werden die wichtigsten Befunde der Studie zusammengefasst.

Die griechische Krise

Eingangs skizzieren die Autoren den Verlauf der griechischen Krise. Als Schlüsselmomente betrachten sie die beiden Bailout-Programme von EU und IWF und die damit verbundenen Troika-Programme. Die Krise habe sich dadurch verschärft. 2013 war das sechste Jahr wirtschaftlicher Schrumpfung in Folge, innerhalb von vier Jahren ist die Wirtschaftsleistung um 20% zurück gegangen, die Arbeitslosigkeit hat sich verdreifacht.

Direkte Auswirkungen auf die Gesundheit

Die Troika-Programme sahen unter anderem eine drastische und schnelle Kürzung der öffentlichen Gesundheitsausgaben vor. Sie mussten auf 6% der (massiv schrumpfenden) Wirtschaftsleistung gekürzt und auf diesem Niveau gedeckelt werden (vgl. Deutschland: 11%). Die konkreten Kürzungsmaßnahmen die getroffen wurden, um dieses Ziel zu erreichen, sind vielfältig. Einige Beispiele:

• Bereits im ersten Jahr der „Griechenland-Rettung“ wurde ein Drittel der Streetwork-Programme eingestellt. Die Zahl der ausgegebenen Spritzen und Kondome an Drogenabhängige ging um 24% zurück. Die Folge: Während in Griechenland bis 2009 rund 15 HIV-Fälle im Jahr registriert wurden, waren es 2012 bereits 484 – mit klar steigender Tendenz. Neuere Daten zeigen zudem, dass die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen sich von 2012 auf 2013 mehr als verdoppelt hat.

• Drastische Kürzungen der lokalen Gesundheitsbudgets haben dazu geführt, dass viele Programme wie Sprayaktionen gegen Moskitos eingestellt wurden. Das führt dazu, dass das erste mal seit 40 Jahren in einigen Regionen wieder Malaria auftaucht.

• Die staatlichen Ausgaben für Medikamente wurden von 4,37 auf 2,88 Mrd. Euro gekürzt. Eine weitere Kürzung auf 2 Mrd. Euro ist für 2014 geplant. Viele Medikamente müssen daher von den Patienten selbst bezahlt werden. Zudem müssen sie häufig das Geld für die Medikamente vorschießen und dann eine Erstattung beantragen. In einer Umfrage sagten 70% der Patienten, dass ihr Einkommen nicht ausreicht um die vom Arzt empfohlenen Medikamente vorzufinanzieren.

Kostenumverteilung zu den Patienten

Zahlreiche Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Patienten einen immer größeren Teil der Behandlungen selbst bezahlen müssen. So wurde die Praxisgebühr von drei auf fünf Euro pro Arztbesuch erhöht, die Zuzahlungen für bestimmte Facharzt-Besuche sind um 10% gestiegen, die Telefongebühren für Anrufe bei Ärzten wurden erhöht etc.

Zudem gibt es immer mehr Menschen ohne Krankenversicherung. Die Krankenversicherung ist in Griechenland an die Erwerbsarbeit gebunden. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit fällt der Versicherungsschutz weg. Durch die gegenwärtige Massenarbeitslosigkeit sind 800.000 Griechen in eine Situation geraten, in der sie weder Arbeitslosenunterstützung erhalten, noch krankenversichert sind.

Indirekte Auswirkungen auf die Gesundheit

Die tiefe sozioökonomische Krise hat laut den Lancet-Autoren dramatische Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der griechischen Bevölkerung. Zugleich wurden jedoch aufgrund des Kostendruckes die entsprechenden Gesundheitsdienstleistungen sehr weit abgebaut.

• Psychologische Einrichtungen sind völlig überlastet. Während die öffentliche Finanzierung von 2010 auf 2011 um 20% und von 2011 auf 2012 um weitere 55% zurückging, ist die Zahl der registrierten Behandlungen um 120% bestiegen.

• Pläne für dringend benötigte psychiatrische Dienstleistungen für Kinder wurden wegen des Kostendrucks zurückgezogen.

• Der Anteil der Bevölkerung, der unter massiven Depressionen leidet ist von 3,3% im Jahr 2009 auf 8,2% im Jahr 2011 gestiegen.

• Die Suizid-Rate und die Zahl der versuchten Suizide ist (von einem relativ niedrigen Niveau) von 2007 bis 2011 um 45% (bzw. 36%) gestiegen.
Die massenhafte Arbeitslosigkeit von Erwachsenen und die rückläufigen Familieneinkommen führen auch dazu, dass Kinder massiv von der griechischen Gesundheitskrise betroffen sind. Die Kinderarmut liegt mittlerweile bei über 30%.

Auch bei der Versorgung von Schwangeren und Säuglingen gibt es große Lücken. In der Lancet-Studie wird u.a. angeführt, dass dies dazu führt, dass die Zahl der jährlichen Totgeburten um 21% und die Kindersterblichkeit um 43% gestiegen ist.

Die Gesundheitskrise beenden

Abschließend betonen die Autoren der Studie, dass der gesundheitspolitische Kollaps in Griechenland eine klare Folge der EU-Krisenpolitik ist. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Spanien, sind ähnliche Tendenzen zu beobachten.

Als positives Gegenbeispiel heben die Autoren Island hervor. Die isländische Regierung hatte 2008 die IWF-Forderung nach massiven Kürzungen beim Gesundheitsetat und den sozialen Sicherungssystemen zurückgewiesen. Island hat einen Weg aus der Krise gefunden, der keine wahrnehmbaren Einschränken der Volksgesundheit mit sich brachte.

In Griechenland wurde zuletzt über WHO- und EU-Sonderprogramme verhandelt, durch die einige Menschen ohne Krankenversicherung im Notfall wieder Zugang zu einer Basisversorgung erhalten sollen. Zugleich verhandelte jedoch die Troika in Athen über weitere Bailout-Konditionen. Gefordert wurden unter anderem weitere Kürzungen von 2,66 Mrd. Euro bei der Gesundheitsversorgung und in den sozialen Sicherungssystemen.

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